Die europäische Insel

Gehört Britannien zu Europa?

Wer häufig mit Briten zu tun hat, hat ihre Einstellung zu Europa kennen gelernt. Rein geografisch umfasst Europa selbstver­ständlich auch die britische Inselwelt, doch wenn Engländer von »Europe« sprechen, klammern sie ihr Land aus.

Moskau, Ham­merfest, Reykjavik, Palermo: alles Städte in Europa, aber London, Manchester und Chipping Sodbury liegen im United Kingdom, bitte sehr. An der Schlagzeile »Dichter Nebel über dem Ärmelkanal – Europa von der Außenwelt abgeschnitten« können viele Engländer gar nichts Witziges entdecken. Dafür geht dem Kontinental­europäer so manches Mal aber auch der Sinn für typisch englischen Humor ab...

Alles, was sich jenseits von Großbritannien abspielt, geschieht dem Empfinden der Briten nach overseas, also in »Übersee«. Verständlich, dass ein Inselvolk die See als natürliche Grenze betrachtet, über die einzudringen nicht jedermann gestattet ist. Die feierliche Prozedur, die sich bei der Einreise per Autofähre abzuspielen pflegt, kennen Sie. Seitdem Großbritannien zum Club of Rome gehört, hat das Procedere allerdings ein wenig von seiner Umständlichkeit verloren.

Andererseits hat die Tatsache, dass das Land ringsum von Wasser umgeben ist, das Inselvolk der Briten zu hervorragenden See­fahrern gemacht. Nach wie vor gelten englische Yachtkapitäne im ganzen Mittelmeerraum als die renommiertesten im gesamten Charter-Business. Unter dem Motto »Britannia rule the waves!« beherrschten die Engländer einst ja nicht nur die Seewege zu den wichtigsten Häfen der Welt, sondern halbe und ganze Kontinente.

Das britische Empire

Das britische Empire, das einst auch Kanada, Australien und ein riesiges Kolonialreich rund um den Globus umfasste, gibt es längst nicht mehr. Dennoch ist ein wenig Weltmachtanspruchsdenken in vielen Köpfen existent. Die Tatsache, dass man annähernd überall dort, wo der Union Jack einst britisches Hoheitsgebiet (Common­wealth) kennzeichnete, Englisch als Amtssprache beibehalten hat, wird gern als Bestätigung solcher Denkweise verstanden.

Great Britain ist eine seit 1707 amtliche Bezeichnung für den Machtbereich der Krone auf der britischen Insel, das Königreich England, das (ehemalige) Königreich Schottland und das Herzog­tum Wales umfassend. Umgangssprachlich hat sich heute der Begriff »Britain« eingebürgert, weil das »Great« gern auch auf das einstige Commonwealth bezogen wird. Gebräuchlicher aber ist United Kingdom oder kurz UK, wobei dieser Begriff Irland (seit 1917 nur mehr Nordirland) mit einschließt.

Großbritannien Land ist eine parlamentarisch-demokratische Monarchie, kennt aber keine geschriebene Verfassung. Das Wort »Kingdom« (Königreich) wird übrigens selbst von Gegnern der Monarchie vorbehaltlos verwendet. Damit – und nicht etwa nur durch den Ärmelkanal und die Nordsee – grenzt sich das Land von allen anderen Europas ab. Denn selbst in jenen Staaten, die wie beispielsweise Schweden, Belgien, Dänemark oder die Nieder­lande noch über veritable Königshäuser verfügen, sind die gelebten Traditionen nicht im Entferntesten vergleichbar mit denen im United Kingdom. Und mag die Boulevardpresse noch so sehr lästern, wenn es an den Royalties etwas zu kritisieren gibt: Der britische Untertan steht zu seinem Herrscherhaus, das genau genommen heute nicht sehr viel mehr beherrscht als seine Rituale. Eine »Entmachtung« des britischen Königshauses (einhergehend mit Einschränkung der Privilegien des Hochadels) wurde schon oft gefordert, aber jede diesbezügliche Umfrage ergibt letztenendes, dass die Engländer auf ihre Queen samt Hofstaat keineswegs verzichten wollen.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus Leben und Arbeiten in England.


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